Mit Verwunderung beobachtet ein Protestant aus der Ex-Expo-Hauptstadt die Jugendvölkerwanderung nach Köln. Das dunkelste Mittelalter hält Einzug in den Dom und die Medien. Der ernannte Stellvertreter Gottes auf Erden ist ja bekanntlich eh schon unfehlbar (darf ein Papst eigentlich bei Lotterien mitmachen?) und nun gibts auch noch einen Wundersamen Bonus für die Pilger: Wo bei “unserem” evangelischen Kirchentag hässliche – aber harmlose – Halstücher verteilt worden sind, schenkt der Papa seinem Gefolge einen totalen Sündenablass. Moment, nochmal nachlesen, ja, da steht es Wortwörtlich:

Plenaria conceditur christifidelibus Indulgentia, lucranda suetis sub condicionibus (sacramentali nempe Confessione, eucharistica Communione ac oratione ad mentem Summi Pontificis), animo quidem elongato ab affectu erga quodcumque peccatum, si quot ex sacris functionibus, decursu “XX Mundialis Iuventutis Diei” Coloniae celebrandis, necnon sollemni eiusdem conclusioni attente ac religiose interfuerint. [...] Datum Romae, ex aedibus Paenitentiariae Apostolicae, die 2 mensis Augusti anni 2005, in pia “Portiunculae” memoria.
Natürlich in Latein, was hat das Fussvolk schon zu interessieren, was der Klerus verkündet. Für die nicht-katholiken unter uns: Dem Fegefeuer entgeht, wer die Beichte ablegt, Abkehr von allen Sünden schwört, den Hostienempfang zelebriert und fleissig betet. Wer nur betet, auch dieser Fall von Kleinkatholik ist geregelt, erhält zumindest einen Teilerlass. Ob sich eine Weltjugendtagsinquisition um nicht-beter kümmert, ist nicht erwähnt. Ich vermute mal ja. Ob man mit Streckbänken und Daumenschrauben jetzt wieder Geld verdienen kann?
Besonderen Wert legt Ex-Ratzinger auf “Gebete in der Meinung des heiligen Vaters”. Mann mann mann Gerd, hätteste mal Pope werden sollen statt Kanzler. Stell dir vor, du könntest mal eben so – Grundgesetz Paragraph 1 – anordnen : Jeder hat die SPD zu wählen und ihr nach dem Mund zu reden. DAS ist Demokratie, oder? Der Unterschied ist nur – Katholiken machen, was ihr Papa sagt. Stellt euch das mal bei uns Protestanten vor, Sonntags von der Kanzel: “Liebe Gemeinde, nun betet alle in meiner Meinung. Hier liegen Zettel aus mit meinem Ansichten zur Verwendung der Kollekte, das neue Gesangbuch das ich gut finde, und das wir den Chor abschaffen sollten, der singt gräulich. Achja, und Schwester Hildegard will ich auch ausschliessen, immerhin hat die sich ja scheiden lassen…”
Vodoo-Zauber hin oder her, abenteuerlich ist es schon. Da spricht Kardinal Meisner zu hunderttausenden, ein Mann, der mit seiner Organisation des “Internationalen Mariologischen Arbeitskreises Kevelaer (IMAK)” dem Opus Dei nahe steht. Nun hat er ja nichts mehr zu befürchten, sein Chef Papst Benedikt hat ja auch nichts gegen die Ultrafundamentalisten, die Frauen als minderwertig ansehen, sich geisseln und den totalen Gehorsam unter Abschaltung von Gewissen und Verstand fordern.
Ich als Protestant bin übrigens auch ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Na, überrascht, Katholiken? Ja, bei uns ist das Teamarbeit. Sünden vergeben klappt übrigens mit beten – und damit ist nicht das rennen zum katholischen Pseudopsychiater gemeint. Irgendwie verspüre ich den Drang, nach Köln zu fahren, und nochmal Luthers Thesen an den Dom zu tackern. Vielleicht diesmal in Latein, damit die Kirchenoberen auch mitlesen können.
